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PRAXIS
Benedikt Gilich
Was, wenn die menschliche Seele (nicht) messbar ist?
Diese Unterrichtseinheit zum Thema ›Seele‹ bietet zahlreiche Ideen und Materialien für den RU in der Sekundarstufe II. Auf kreative Weise arbeiten sich die Lernenden in die Thematik ein und entwickeln eigene Stellungnahmen zu den diversen Seelenvorstellungen in Alltagssprache, Theologie und Philosophie.
1901 führte der amerikanische Arzt Duncan Mcdougall Experimente durch, durch die er mit den Mitteln naturwissenschaftlicher Forschung herausfinden wollte, ob der Mensch eine Seele besitzt: Mcdougalls Methode bestand darin, sterbende Menschen vor und unmittelbar nach dem Eintreten ihres Todes zu wiegen. Seine Messungen ergaben eine Differenz von etwa 21 Gramm, die ihn annehmen ließ, er habe mit seiner »Wiegevorrichtung den Stoff der Seele entdeckt« (Fisher 23). Diese Schlussfolgerung ebenso wie die Experimente selbst erscheinen heute im wahrsten Sinne des Wortes als vermessen. Doch konzentrieren und konkretisieren sich in Mcdougalls Versuchen elementare philosophische und theologische Fragen: Wenn der Mensch ein beseeltes Wesen ist, wie kann die Seele vorgestellt und gedacht werden? In welcher Beziehung steht sie zum menschlichen Körper und zur physischen Welt (Leib-Seele-Problem)? Und welche Konsequenzen hätte es für unser Verständnis des Menschen, wenn der Versuch eines empirischen Nachweises für die Seele gelänge oder scheiterte? Nicht zuletzt: Darf menschliches Leben in den Momenten des Übergangs in den Tod auf diese Weise zum Forschungsgegenstand gemacht werden?

Mcdougalls Experiment bildet die Basis für eine (fiktive) Anforderungssituation, die Schüler* innen mit diesen Fragen im Kontext eines Unterrichtsvorhabens zur Anthropologie in der Einführungsphase der Oberstufe konfrontiert. Nach einer kurzen Vorstellung des Experiments (M1) werden die Lernenden gebeten, sich aus einer journalistischen Perspektive im Auftrag einer Zeitung mit Mcdougalls Experiment auseinanderzusetzen. Für die imaginierten Leser*innen sollen sie der Frage nachgehen, welche Konsequenzen ein Scheitern oder Gelingen des Experiments für unser Verständnis des Menschen hätte. Diese Auseinandersetzung kann in drei verschiedenen Formen erfolgen, welche die Lernenden selbst wählen: (1) als Reportage über das Experiment, (2) als Interview mit einem Experten bzw. einer Expertin für die menschliche Seele oder (3) in Form einer Karikatur. Weitere Formate (z. B. ein Podcast) sind natürlich denkbar. Individuelle Lernwege der Schüler*innen werden so ermöglicht.

Zunächst können die Lernenden gemeinsam reflektieren, welche Kenntnisse sie für diese Aufgabe benötigen: Welche Fragen, Vorbehalte und Sorgen könnten unterschiedliche Leser*innen im Hinblick auf das Experiment haben? Welche Informationen wünschen sie sich? In diese Überlegungen sollte die Lehrkraft die spezifische Perspektive des christlichen Glaubens einspielen, wenn sie nicht ohnehin von den Lernenden eingebracht wird: Blicken Christ*innen mit anderen Fragen und Gedanken auf Mcdougalls Forschung? Durch diese metakognitive Reflexion antizipieren die Lernenden bereits mögliche Schwerpunkte der Sequenz und erkennen ihre Relevanz für die vorliegende Herausforderung. Sie können zugleich Einfluss auf die Aspekte nehmen, die thematisiert werden.

»Die Seele ist der Kern des Menschen!« – Seele in der Alltagssprache

Eine erste Annäherung bietet der Blick auf den alltagssprachlichen Gebrauch des Wortes ›Seele‹. Wie und wofür wird es genutzt? Die Zahl der möglichen sprachlichen Fundorte ist groß: Redewendungen und Sprichwörter kommen ebenso infrage wie Songtexte, Filme oder literarische Erzählungen. In Interviews mit Freunden und Familienangehörigen sammeln die Schüler*innen sprachliches Material, das die Grundlage für eine erste eigene Bestimmung des Phänomens ›Seele‹ bildet. Diese Arbeitsdefinitionen ermöglichen eine Diagnose der Vorstellungen, Vorurteile und Fragen, mit denen die Lernenden in die Auseinandersetzung mit der Thematik starten (vgl. E1). Den Lernenden erschließt diese Analyse des Sprachgebrauchs die anthropologische und religiöse Bedeutung des Phänomens. So schreiben etwa zwei Schüler:

»In unserer Alltagssprache wird der Begriff ›Seele‹ häufig als Synonym für Psyche verwendet. Die Seele ist ein Teil eines Menschen, welcher das Fühlen, Glauben, Denken und Empfinden eines Menschen als einzelnes Wesen ausmacht und sein Handeln bestimmt. Im religiösen Sinne ist die Seele ein körperloser Teil des Menschen, welcher nach dem Tod weiterlebt. «

»Die Seele ist ein Teil des Menschen, sie ist nicht materiell, man kann sie also nicht anfassen, sehen oder schmecken und die Seele beschreibt, was den Menschen ausmacht, den eigentlichen Menschen als einzelnes und einmaliges Wesen. Die Seele ist der Kern des Menschen, sie fühlt, denkt und hat ein Bewusstsein. «

Solche Arbeitsdefinitionen provozieren weiterführende Fragen: Die nicht-materielle Natur der Seele scheint den Lernenden ebenso evident wie die Tatsache, dass die Seele als »Kern des Menschen« entscheidenden Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Handeln hat. Wie aber geht das zusammen? Wie kann etwas Nicht-Materielles unser physisches Handeln beeinflussen?

Streit um die Seele: Platon, Aristoteles und Descartes

Mit dieser Frage ist der Kern des sogenannten Leib-Seele-Problems benannt, das die abendländische Ideengeschichte bis heute prägt. In der Auseinandersetzung mit dieser äußerst komplexen Debatte verbietet sich im vorliegenden Rahmen natürlich jeder Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch ist die Kenntnis der grundlegenden Kontroverse zwischen Dualismus und Materialismus entscheidend, um Mcdougalls Seelenexperiment als einen Beitrag zu dieser Streitfrage verstehen zu können.

Diese Grundlagen erarbeiten sich die Lernenden anhand eines kurzen Erklärvideos (M2), das die Begriffe Materialismus und Dualismus erläutert und exemplarisch die dualistischen Positionen von Platon, Aristoteles und Descartes vorstellt. Ein Vergleich mit den eigenen Arbeitsdefinitionen der Schüler*innen offenbart deren starke Ähnlichkeit mit einer dualistischen Seelenvorstellung. Daher konfrontiert die philosophische Kritik des Dualismus (M3) auch ihr eigenes Konzept der Seele mit Problemen, die ihnen zunächst nicht bewusst waren. Für das vorliegende Unterrichtsvorhaben ist vor allem der materialistische Einwand bedeutsam, dass der Einfluss der Seele auf den Körper irgendwo im bzw. am Körper stattfinden und dort auch empirisch nachweisbar sein müsse, dieser Nachweis aber bislang nie gelungen sei (vgl. Beckermann 43–44). Mcdougalls Experiment lässt sich somit als Versuch charakterisieren, diese Kritik naturwissenschaftlich aufzugreifen und zu prüfen, ob ein empirischer Beweis für die Existenz der Seele erbracht werden kann. Zugleich wird deutlich, dass der Begriff der Seele, der seinem Experiment zugrunde liegt, sich wesentlich vom immateriellen Seelenverständnis des Dualismus unterscheidet. Insofern wäre auch ein positives Ergebnis des Experiments keine erschöpfende Antwort auf die Frage, wie eine immaterielle Instanz wie die Seele überhaupt in einem kausalen Verhältnis zu einer materiellen Instanz wie dem Körper stehen kann. Eine Erwiderung auf diese kritische Anfrage, die optional mit den Lernenden erarbeitet werden kann, entwickeln die amerikanischen Philosophen Goetz und Taliaferro (M4), indem sie zu zeigen versuchen, dass es keine zwingenden Gründe gibt, eine räumliche Beziehung als notwendige Bedingung für ein kausales Verhältnis zweier Instanzen (hier: Seele – Körper) anzunehmen.

Der Streit zwischen Dualismus und Materialismus um das Verständnis der Seele bleibt für Schüler*innen allerdings abstrakt, wenn die darin verhandelten Menschenbilder nicht konkretisiert und in ihren Konsequenzen sichtbar werden. Dafür lassen sich Quellen nutzen, die den meisten Jugendlichen sehr vertraut sind: In vielen gegenwärtigen Filmproduktionen werden aus der Frage nach dem Verhältnis von Leib und Seele/Bewusstsein Erzählungen gestrickt, die auf ihre materialistischen oder dualistischen Grundannahmen hin untersucht werden können (vgl. M5).

Ist das christliche Menschenbild dualistisch?

Entspricht ein dualistisches Verständnis der Seele dem biblisch-christlichen Menschenbild? Die von den Lernenden formulierten Begriffsbestimmungen deuten darauf hin, dass eine entsprechende Gleichsetzung für sie naheliegend ist. Die christliche Kernbotschaft, dass der Tod nicht das Ende der Existenz bedeutet, ist für viele eng mit der dualistischen Idee einer immateriellen Seele verbunden. Der Blick auf die biblische Vorstellung der Seele und die theologischen Auseinandersetzungen mit dualistischen Seelenkonzepten der Philosophie (M6a) zeigt allerdings, dass diese Gleichsetzung nicht zutreffend ist: Die Bibel betont die Leib-Seele-Einheit des Menschen auch und gerade durch die körperlichen Metaphern, mit denen sie von der Seele (hebr. v. a. näfäsch/ griech. psyche) spricht: So kann der Begriff näfäsch zum Beispiel die Kehle des Menschen bezeichnen und mit ihr assoziierte Bedürfnisse und Fähigkeiten wie Hunger (Ps 69,2/ Dtn 23,25). Aber die Bedeutung von näfäsch kann auch das Ganze des menschlichen Lebens bzw. der menschlichen Person beschreiben (Ps 6,5/Mt 6,25, vgl. Schwagmeier). Der Mensch wird damit als Beziehungswesen charakterisiert in seinem Verhältnis zu sich selbst (Ps 42,6), zu seinen Mitmenschen (Ex 23,9) und zu Gott, der dem Menschen den Lebensatem einhaucht (Gen 2,7f.) und nach dem die näfäsch des Menschen sich sehnt (Ps 42,3). Deshalb kann die näfäsch auch zum Kristallisationspunkt der Hoffnung einer Rettung des Menschen aus dem Tod durch Gott werden (Ps 26,9). Diese ganzheitliche biblische Perspektive führte dazu, dass die theologische Reflexion des Seelenbegriffs zwar an das platonische Seelenverständnis anknüpfte, aber sich auch substantiell von diesem abgrenzte (vgl. M6b). Bauer fasst die biblische Perspektive prägnant zusammen: »Der Mensch hat keine Seele – der Mensch ist eine Seele!« (Bauer 19).

»Jetzt ist der Himmel 21 Gramm schwerer!«

Das abschließende Lernprodukt (Reportage, Interview, Karikatur) verlangt von den Schüler* innen, die in der Sequenz thematisierten Aspekte zu vernetzen, erlaubt ihnen aber zugleich eigene Schwerpunkte. Die gemeinsame Präsentation und Verhandlung unterschiedlicher Lernprodukte soll eine abschließende Urteilsbildung der Lernenden einleiten: Würde ein positiver oder negativer Ausgang von Mcdougalls Experiment dazu zwingen, unsere Vorstellung der ›Seele‹ aufzugeben oder grundlegend zu ändern? Die Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Konzepten der Seele und der Frage, wie sie das Seelenexperiment deuten würden, zeigt die Interpretierbarkeit empirischer Ergebnisse und problematisiert damit ihre scheinbare Eindeutigkeit. Ein negativer Ausgang des Experiments würde weder Materialisten noch Dualisten überraschen: Beide würden sich in ihren Annahmen über die Seele bestätigt sehen. Ein positiver Ausgang würde beide irritieren und zu einer Kritik des Experiments oder zu einer Reinterpretation der Ergebnisse führen, welche die gemessene Massendifferenz auf andere Ursachen zurückführt (vgl. E2). Die christliche Perspektive erlaubt eine theologische Kritik des Experiments Mcdougalls und seiner materiellen Seelenvorstellung: Wenn die Seele Ausdruck der Hoffnung auf eine Rettung des Menschen aus dem Tod durch Gott ist, dann hätte die Seelenvorstellung, die Mcdougalls aus seinem Experiment ableitet, auch Konsequenzen für die Vorstellung dieser Hoffnungsperspektive. Ein Schüler bringt dies mit seiner Karikatur wunderbar auf den Punkt: »Wird der Himmel mit jeder Seele 21 Gramm schwerer?« (vgl. E3). So wird deutlich: Der erfolgreiche empirische Nachweis würde das, was er nachweist, auch zu einem Objekt naturwissenschaftlicher Forschung machen: Könnte der Begriff ›Seele‹ dann noch ein geeigneter Ausdruck menschlicher Transzendenzerfahrungen sein? Die Analyse und Diskussion des Experiments in den Lernprodukten der Schüler*innen offenbaren den Streit um die Seele des Menschen als eine Glaubensfrage. Eine Schülerin fasst dies in ihrem Interview mit einem fiktiven Theologen gelungen zusammen (vgl. E4):

»Bereits der Fakt, dass wir existieren, dass wir sind, wie wir sind, dass wir fühlen, dass wir Gefühle haben und diese zeigen und verstehen können, zeigt in meinen Augen als Theologe schon, dass die Seele da ist, es gibt sie wirklich. Das allein ist schon ein Beweis. Aber ein anderer Teil in mir glaubt, dass es einen wirklichen Beweis nicht gibt, manchen Menschen wird die genannte Begründung meinerseits von mir als Theologe zur Existenz der Seele nicht ausreichen. Sie werden es weiter hinterfragen. Eine andere Möglichkeit, die Existenz der Seele nachzuweisen, wird es vielleicht nie geben. Ich glaube, den einzigen Beweis, den wir Menschen für die Existenz der Seele bekommen können, ist daran zu glauben. Es gibt doch nichts Schöneres, als an die Seele zu glauben und so daran zu glauben, dass wir Menschen durch unsere Seele die Hoffnung erhalten, dass wir auch nach dem Tod weiterleben können. Wenn Sie mich fragen, dann ist die eigentliche Frage, warum es uns Menschen nicht reicht, einfach an die Existenz der Seele zu glauben, sondern wir für alles immer einen extra Beweis brauchen.«



Literatur

Bauer, Dieter, Der Mensch hat keine Seele – der Mensch ist eine Seele, in: Bibel heute 189 (2012), S. 19–21.
Beckermann, Ansgar, Das Leib-Seele-Problem. Eine Einführung in die Philosophie des Geistes, Paderborn 2011.
Fisher, Len, Der Versuch, die Seele zu wiegen. Und andere Sternstunden von Forschern und Fantasten, London 2004, v. a. S. 5–40.
Goetz, Stewart/Taliaferro, Charles, A brief history of the soul, Chichester 2011.
Schwagmeier, Peter, Was steht da, wenn da ›Seele‹ steht?, in: Bibel heute 189 (2012), S. 11–13.

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