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AKZENT
Anne Hilpert
Körper sprechen
»Ich kann nicht tanzen!« Diesen Satz habe ich als Tanzpädagogin schon unzählige Male gehört. Anscheinend gehört dieser Satz zum Selbstkonzept sehr vieler Menschen und es besteht das unbedingte Bedürfnis, das auch mitzuteilen. Ich frage dann gerne zurück: »Was ist denn Tanz für dich? Was zeichnet eine tänzerische Bewegung deiner Meinung nach aus?« Dabei wird immer wieder deutlich, dass kaum ein Wort so viele Bilder und Klischees hervorruft wie Tanz: Hip-Hop-Tänzer auf dem Bahnhofsvorplatz, die abgefahrene Tricks vorführen, grazile Balletttänzerinnen, die elegant über die Bühne fliegen, Kreistänze von Frauen Ü60, Eurythmie, der neueste Dancemove, der gerade viral geht, und die obligatorische Standardtanzrunde auf Hochzeiten: Das alles ist Tanz. Die dazugehörigen Gefühle reichen von Bewunderung für die Tricks, Schamgefühl wegen des eigenen Körpers, der so gar nicht Ballerina- like ist, Belustigung über die Frauen und Belächeln der Waldorf’schen Bewegungskunst bis hin zum peinlichen Berührtsein oder dem Herbeisehnen des Liedendes. Diese vielfältigen intuitiven Reaktionen zeigen auf, dass zwar offensichtlich jeder eine Vorstellung von Tanz hat, das je eigene Verständnis aber nicht universelle Gültigkeit besitzt. Die dazugehörige Gefühlsbandbreite verdeutlicht außerdem, dass Sprache offensichtlich nicht vom Körper zu trennen ist. Vielmehr gilt, dass Sprache, und damit auch jedes Kommunikationsgeschehen, embodied, zu Deutsch: verkörpert, ist. Das bedeutet, dass Wörter je eigene Assoziationen, Konzepte und je nach unseren Erfahrungen mit diesen bestimmte – mehr oder weniger stark ausgeprägte – Gefühle und körperliche Reaktionen hervorrufen. Sprache ist kein rein kognitiver Vorgang, der allein auf Verstandesebene abläuft, sondern immer an den Körper rückgebunden. Das kann meines Erachtens auch gut beobachtet werden, wenn über Religion gesprochen wird. Denn auch hier beziehen sehr viele Menschen direkt Stellung zum Thema – ganz oft verbal und definitiv non- verbal.

Wir sind Körper – Die Embodimenttheorie

Die wissenschaftliche Grundlage dafür liefert die Embodimenttheorie, die Ende des 20. Jahrhunderts in den Kognitionswissenschaften und der Psychologie aufkommt. Zwischen leibphänomenologischen Einsichten, der Philosophie des Geistes, psychologischem und neurowissenschaftlichem Wissen, Erkenntnissen der Robotertechnik und in Auseinandersetzung mit KI entsteht ein diverser Diskurs rund um die These einer sogenannten verkörperten Kognition (embodied cognition). Diese These besagt, dass Kognition kein bloßer Gehirnvorgang ist, sondern Gehirn, Körper und Umwelt involviert. Die Embodimenttheorie spricht hier von einer doppelten Wechselwirkung: Der Geist beeinflusst den Körper und der Körper beeinflusst den Geist. Diese Körper-Geist-Einheit wiederum ist in die Umwelt eingebettet und wird durch sie mitbestimmt. Es gilt also, was uns Alltagserfahrungen täglich vor Augen führen, nämlich dass unsere Körper immer mitsprechen und ausdrücken, was wir denken und fühlen – manchmal sehr subtil, manchmal sehr offensichtlich (Erröten bei Scham, Zittern bei Angst). Darüber hinaus hat unsere Körperhaltung Einfluss darauf, wie wir etwas wahrnehmen, und weiterführend sogar, wie wir darüber denken. Die aktuelle Forschung zu Embodiment bringt eine gänzlich neue Perspektive in das philosophische Grundlagenproblem und widersetzt sich dem Leib-Seele-Dualismus in cartesianischer Tradition. Ebenso widerspricht die Embodimenttheorie der reduktionistischen Vorstellung, dass geistige Vorgänge rein auf neuronaler Ebene zu verorten sind. Damit sind die Weichen neu gestellt: Wir haben nicht nur einen Körper, sondern wir sind Körper!

Im Hinblick auf Tanz und Religion fällt auf, dass diese beiden Phänomene offensichtlich mit stärkeren Emotionen verbunden sind als andere Wörter. Tanz als anthropologisches Phänomen ist aufs Engste mit dem Menschsein verknüpft: Seit jeher tanzen Menschen und Tanz als kulturelle Aufführung offenbart den historischen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext der Tanzenden. Aktuell vorherrschende Werte und geltende Konventionen manifestieren sich im jeweiligen tänzerischen Ausdruck – die Körperbewegungen und Tanzschritte geben Auskunft über den Zeitgeist und das Lebensgefühl, bestehende Körperbilder mit je spezifischen Bewegungspraxen sowie Geschlechtercodes. Dadurch ist Tanz nicht nur leibliches Ausdrucksmedium, sondern thematisiert das Menschsein auf existenzieller Ebene. Der Mensch ist im Tanz sichtbar. Gleichermaßen ist Religion – sofern nicht bloß als kognitives Referenzsystem gefasst – ein Phänomen, das den Menschen zutiefst berührt und betrifft. Religion, verstanden als spiritueller Lebensvollzug, bündelt die Sehnsüchte, Hoffnungen, Ängste und Zweifel des Menschen und gibt dem eigenen Sein eine Perspektive. Tanz und Religion reichen somit beide ins Innerste des Menschseins und manifestieren sich in innerer und äußerer Bewegtheit. Von daher ist es mehr als plausibel, dass die Wörter »Tanz« und »Religion « oft stärkere körperliche Reaktionen hervorrufen.

Mit dem Wissen um die Embodimenttheorie und die Körperlichkeit der Sprache finde ich es spannend, die eigene religionspädagogische Sprachpraxis wahrzunehmen und auf sogenannte somatische Marker zu überprüfen. Welche Wörter lösen etwas aus? Bei mir, bei meinem Gegenüber, meinen Studierenden oder Schüler:innen? Gibt es denn (noch) körperliche Resonanz auf theologische Sprache? Haben uns theologische Wörter denn noch etwas zu sagen auf dieser Ebene? Oder sind die Wörter bloßes Gedankenkonstrukt ohne Lebensbezug oder Anschlussfähigkeit? Hier ist der Körper ein zuverlässiger Seismograf, der anzeigt, was für uns in dem jeweiligen Wort steckt. Das Körperwissen gibt auch und gerade im Hinblick auf (theologische) Sprache Auskunft. Beachte ich dieses Wissen, wird einerseits verbale Kommunikation sehr viel leichter, da mitschwingende Gefühle wahrgenommen und thematisiert werden können, anstatt die Kommunikation unterschwellig zu torpedieren. Andererseits zeigt eine ausbleibende Reaktion auch an, dass bestimmte Wörter ihre Resonanz – und damit vielleicht auch Relevanz (?) – verloren haben. 

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