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PRAXIS
Johannes Kraft
Exkursionen nach Taizé – ein religionspädagogischer Reisebericht
Taizé gilt seit Jahrzehnten als ›spiritueller Glücksort‹ von Jugendlichen. Das bestätigen auch Interviews, die mit Schülerinnen und Schülern durchgeführt wurden. Ausgehend von ihren Reflexionen auf die Reise werden einige praktische Hinweise für schulische Exkursionen nach Taizé vorgestellt.
Der Religionsunterricht kennt eine Vielzahl außerschulischer Lernorte: Friedhöfe, Kirchenräume, Denkmäler, Hospizeinrichtungen, interreligiöse Begegnungsstätten, Museen, Bibelgärten, Pilgerwege … Sie alle eint, dass sie Anlässe für religiöse Bildungsprozesse bieten, eine Abwechslung vom gewöhnlichen Schulalltag versprechen und in der Regel schnell zu erreichen sind. Tagesausflüge zu solch nahe gelegenen Lernorten dürften daher den Normalfall einer Exkursion im Religionsunterricht darstellen.

Wer aber vom Reisen spricht, hat per Definiton einen längeren Zeitraum im Blick. Ein Aufenthalt in einem Kloster etwa stellt eine Möglichkeit dar, Schülerinnen und Schüler im Zuge einer Projektwoche oder für ein verlängertes Wochenende ihrem Alltag zu entrei(s)sen. Für Religionslehrkräfte und die Schulseelsorge ist es daher interessant, welche Reiseziele sich in diesem Kontext anbieten und dazu beitragen können, dass »die fremdgewordene Semantik des Christlichen dennoch für die Schüler/innen zumindest etwas Fragwürdiges wird« (Schambeck 65). Es kämen dafür natürlich viele Klöster infrage. Taizé aber ist mit seinen weltweit beliebten Jugendtreffen die wohl bekannteste Destination für religiöse Reisen mit Jugendlichen. Auch die Katechetischen Blätter untersuchten diesen »spirituellen Glücksort« (Bucher 320) und seine Anziehungskraft bereits in einem eigenen Heft. Für weitere Hintergrundinformationen zu Taizé sei auf diese Ausgabe verwiesen. Im Folgenden möchte ich mich der Frage widmen, worin der religionspädagogische Mehrwert dieses außerschulischen Lernorts besteht.

Taizé – ein religionspädagogischer Lernort mit Mehrwert?

Der Pferdefuß einer jeden Exkursion ist ihre aufwendige und oft kostspielige Organisation. Außerschulische Lernorte müssen sich danach bemessen lassen, ob sich der mit ihrem Besuch verbundene, hohe Aufwand in Form von Lerneffekten auszahlt. Von Interesse ist also, welche besonderen Bildungserfahrungen Schülerinnen und Schüler bei einer Reise nach Taizé machen. Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich 2016 sechs Schülerinnen und Schüler von zwei Gymnasien interviewt, die kurz zuvor an einer schulischen Exkursion nach Taizé teilgenommen hatten. Mittels einiger Impulsfragen wurden die Jugendlichen dazu angeregt, über ihre Reise zu erzählen. Diese Reiseberichte habe ich religionspädagogisch ausgewertet. Im Zentrum standen dabei Fragen wie: Welche Themen verbinden die Jugendlichen mit ihrem Aufenthalt in Taizé? Welche Momente werden von ihnen besonders intensiv erlebt, erzählt und übergreifend geteilt? Was zeichnet für sie Taizé als religiösen Lernort aus?

Existenziell bedeutsame Erfahrungen machen

Um einen außerschulischen Ort religiösen Lernens handelt es sich nach Andrea Schulte dann, »wenn sich der Lernende an dem Ort auf seine lebens- und existenzbedeutsamen Erfahrungen ansprechen lässt und sich die Option offenhält, eingespielte Sichtweisen auf das Leben und die Welt oder sogar die Lebensführung selbst zu verändern« (Schulte 17). Wenn also der 19-jährige Christoph seine Reise nach Taizé im Interview als »krasse Glaubenserfahrung « bezeichnet, obwohl er zunächst befürchtet, die Fahrt arte zu »so ner Klostertour« aus; wenn die 14-jährige Miriam ein ihr unvertrautes, christliches Milieu aus eigener Perspektive erkundet und von der Stille des Gottesdienstes positiv wie negativ fasziniert ist; wenn die 17-jährige Nadja mit Blick auf unterschiedliche Konfessionen und Nationalitäten erfährt, »wie es ist, friedlich miteinander zu sein«, dann sind das außergewöhnliche Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler ganzheitlich bewegen und beeindrucken. Sie führen anschaulich vor Augen, was der Definition nach eine Reise zu außerschulischen Lernorten auszeichnet. Die Jugendlichen sehen sich mit solchen Erlebnissen aber nicht nur konfrontiert. Sie reflektieren diese auch selbstständig. So erzählt eine Schülerin, sie habe in Taizé begonnen, ein Tagebuch zu führen und Gespräche über den Sinn des Lebens oder aktuelle Probleme zu dokumentieren. Andere machen sich Gedanken, wie das vor Ort erlebte Miteinander in den Alltag übertragen werden kann. Das alltägliche Verhalten der Menschen und das bisherige Leben der Jugendlichen dienen ihnen dabei nicht selten als Kontrastfolie zu den Erfahrungen im Kloster.

Religiöse Vollzüge entdecken


Die Motivationen für die Teilnahme an einer schulischen Exkursion nach Taizé sind vielfältig. Im Normalfall kann man davon ausgehen, dass die Jugendlichen ihre Reise nicht auf religiöse Motive zurückführen. So findet sich bei vielen der Interviewten eine Begründungsfigur wieder, die Miriam ganz treffend als »Urlaub von zu Hause« bezeichnet. Die Schülerinnen und Schüler unterbrechen den gewohnten Gang ihres Lebens und befreien sich für eine Weile von den Regeln des Schul- und Familienlebens.

Trotzdem – oder: gerade deshalb – setzen sie sich in Taizé intensiv mit der eigenen Lebenssituation und dem Verhältnis zum Glauben auseinander. In den Interviews beschreiben sie immer wieder, dass ihnen die Reise einen frischen Blick auf alte Fragen und vertraute Probleme eröffnet hat. Unterwegs zeigt sich für einige der Jugendlichen etwas zuvor Übersehenes, das auf einmal wahrgenommen wird und einen Weg an die Oberfläche findet (vgl. Schiefer Ferrari 8f.). Miriam zum Beispiel erinnert sich in einem Gottesdienst plötzlich an ihren verstorbenen Großvater: »Am zweiten Morgen habe ich in der Zeit von der Stille geweint. Weil mich das alles in Taizé so an meinen toten Opa erinnert hat und ich weiß nicht warum. Und dann habe ich irgendwann angefangen zu beten. Warum weiß ich nicht. Ich weiß es bis heute noch nicht. Aber ich habe beschlossen, dass es Taizé-Gläubigkeit heißt (lacht). Das ist eine neue Art des Glaubens.« Auch andere Schülerinnen und Schüler entdecken die Liturgie als einen besonderen Ort, an dem eine »ganz andere Stimmung« herrscht und an dem sie ästhetisch angesprochen werden. Christoph bemerkt in seinem Interview, zu Hause zu wenig Zeit zum Beten, für Gott und »die wesentlichen Dinge« zu haben. Nadja hingegen kann als ein Beispiel für ganz andere Erfahrungen dienen. Immer wieder lehnt sie die Bezeichnung ihrer Reiseerfahrungen als »religiös« ab und betont, dass die Zeit in Taizé sie vor allem »ethisch« weitergebracht habe.

Gemeinsam mit anderen Jugendlichen über die wichtigen grundlegenden Lebensfragen zu diskutieren, das sei »schon irgendwie immer so saugeil« gewesen. Kritischer stehen die Interviewten dem religiösen Bildungsangebot vor Ort gegenüber. Dass sie in den täglichen Bibeleinführungen der Communauté etwas von der »lebensbedeutsamen Kraft des Wortes Gottes in den biblischen Überlieferungen erfahren« (Siegmund 177), zeigt sich in den Interviews nicht. Die Berichte legen den Eindruck nahe, dass dieses formelle Lernsetting nicht zum weitgehend entdeckenden Lernmodus vor Ort passt.

Einen anderen Lebensstil ausprobieren

Unterbrochen werden die Reisebeschreibungen immer wieder von reflexiven Passagen. Den Jugendlichen geht es darin häufig um die Übernahme von Verantwortung, die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und den Umgang mit anderen Menschen. Sie führen diese Gedanken auf das Erleben der Gemeinschaft in Taizé zurück, die neben den Klosterbrüdern vor allem durch die Vielfalt der Jugendlichen vor Ort geprägt ist. Diese Gemeinschaft wird als beeindruckend erfahren und differenziert beurteilt: Die Offenheit, die Vorurteilsfreiheit, die Solidarität und die Atmosphäre der Wertschätzung und des Respekts führen dazu, dass die Schülerinnen und Schüler einen verantwortungsvollen und empathischen Umgang schätzen lernen. Christoph beschreibt das in seinem Interview wie folgt: »Langfristig gesehen find ich, dass man viel offener mit anderen Personen umgeht als vorher. Dadurch, dass man dort halt erlebt hat, wie cool es ist, wenn alle offen miteinander sind und keiner schlecht drauf ist oder jemand anderem Böses will, geht man find ich ganz anders durch den Alltag.« Ein letzter wichtiger Aspekt dieser Erfahrung ist die Einfachheit des Lebens der Communauté. Während Christoph auf seiner Reise bemerkt, dass man »auch ohne Handy gut überleben kann«, beeindruckt Miriam, dass am Ende jeder Mahlzeit »das Essen immer komplett weg« war. Andere Jugendliche berichten von der zum Teil als bedrohlich empfundenen Nähe zur Natur, die das Schlafen im Zelt bei Gewitter und starkem Regen mit sich bringen kann.

Eine solche Reiseerfahrung prägt das Leben der Jugendlichen; vielleicht sogar nachhaltiger, als es jahrelanger Religionsunterricht vermag. Denn hier können die Schülerinnen und Schüler Spiritualität und Gemeinschaft hautnah erleben.


Klaus Nientiedt (vgl. Ders. 141) bemerkt, dass der Aufenthalt in Taizé im Widerspruch zu vielem steht, was heutzutage von jungen Leuten als attraktiv angesehen wird. Auf diese Weise wird der Überfluss an Gütern im alltäglichen Leben wahr- und als Impuls für die eigene Lebensführung aus Taizé mitgenommen.

Religionspädagogische Hinweise für Lehrkräfte


Im Anschluss an die Interviewstudie habe ich als Lehrkraft selbst mehrere Taizé-Exkursionen mit Schülerinnen und Schülern der Oberstufe unternommen. Taizé ist für mich ein Ort, »an dem sich unsere jungen Menschen sehr intensiv mit der Frage auseinandersetzen, wie sie ihr Leben gestalten und verantworten wollen« (Siegmund 176). In der Tat konnte ich bisher beobachten, dass die Reise dorthin an niemandem spurlos vorbeiging: Unabhängig von Religiosität, Charakter und Erwartung nahm jede und jeder von dort etwas mit. Damit das gelingt, sind neben organisatorischen Fragen auch einige religionspädagogische Aspekte zu beachten:

• Motivation und Vorbereitung: Es gehört ein wenig Überzeugungsarbeit (und auch eigene Begeisterung) dazu, damit Schülerinnen und Schüler freiwillig über eigentlich schulfreie Tage in ein Kloster fahren. Die pädagogische Begleitung der Reise beginnt daher schon vor dem Aufenthalt; indem man von Taizé erzählt, Befürchtungen und Ängste bespricht oder auf ein Taizé-Gebet vor Ort verweist, damit Schülerinnen und Schüler sich ein erstes Bild machen können.

• Rolle als Lehrperson: Wer in dieser Form für eine Reise nach Taizé wirbt, bewegt sich schnell außerhalb der gewohnten schulischen Rollenbilder. Auch vor Ort wird das deutlich: Die Erfahrungen in Taizé berühren die Jugendlichen. Sie haben viel Zeit zum Nachdenken und führen tief greifende Gespräche mit Gleichaltrigen. Nicht selten wird man als Lehrperson in solchen Momenten als ›Experte‹ oder auch ›Mediator‹ adressiert. Das ist eine herausfordernde, aber auch ungemein bereichernde Erfahrung.

• Räume der Reflexion: Vor diesem Hintergrund empfehle ich ein tägliches Treffen mit der Reisegruppe. Die Schülerinnen und Schüler erhalten so einerseits den gebotenen Freiraum, der es ihnen erlaubt, eigene Erfahrungen ohne das Gefühl ständiger Beaufsichtigung zu machen. Andererseits bietet man ihnen die Möglichkeit, neue Eindrücke und schwelende Gedanken zu verbalisieren. Allen ein offenes Ohr zu schenken, ist dabei zunächst die wichtigste Aufgabe der Lehrkraft. Reflexionen ergeben sich häufig aus dem Gespräch der Gruppe selbst.

Die Erfahrungen in Taizé hallen in den Köpfen vieler Jugendlicher noch lange nach. Zwar ist es aufgrund jahrgangs- und kursübergreifender Reisegruppen in der Regel nicht möglich, die Exkursion unterrichtlich nachzubereiten (und es wären damit auch einige pädagogische Fallstricke verbunden). Aber ich erlebe, dass Schülerinnen und Schüler immer wieder darauf zurückkommen: sei es bei verwandten Unterrichtsthemen, in Gesprächen auf dem Pausenhof oder mit einem Bericht über die Reise zu »einem etwas anderen Jerusalem« in der Abi-Zeitung.

Eine solche Reiseerfahrung prägt das Leben der Jugendlichen; wahrscheinlich sogar nachhaltiger, als es jahrelanger Religionsunterricht vermag. Denn während man im Unterricht oftmals über religiöse Erfahrungen redet, die manche zuletzt in der eigenen Kindheit gemacht haben, können die Schülerinnen und Schüler Spiritualität und Gemeinschaft in Taizé hautnah erleben. Die Reise bietet ihnen Raum, um Formen gelebten Glaubens zu erproben, die eigene Religiosität in Auseinandersetzung mit erfahrbarer Ökumene zu reflektieren und in einer internationalen Gemeinschaft eigene und gesellschaftliche Grenzziehungen zu hinterfragen.



Literatur

Bucher, Anton, Spirituelle Glücksorte von Jugendlichen, in: Katechetische Blätter 137 (5/2012), S. 320–324.
Nientiedt, Klaus, Gott zuerst. Zur Spiritualität der Communauté de Taizé, in: Ders. (Hg.), Taizé – Weltdorf für innere Abenteuer, Freiburg 2008, S. 140–149.
Schambeck, Miriam, Religion zeigen und Glauben lernen in der Schule? Zu den Chancen und Grenzen eines performativen Religionsunterrichts, in: Religionspädagogische Beiträge 58 (2007), S. 61–80.
Schiefer Ferrari, Markus, Erinnerungsorte erkunden. Bedeutung und Notwendigkeit von Exkursionen im Religionsunterricht, in: Kontakt 1 (2004), S. 6–14.
Schulte, Andrea, Jeder Ort – überall! Didaktik außerschulischer religiöser Lernorte, Stuttgart 2013.
Siegmund, Andreas, Die ökumenische Gemeinschaft von Taizé als Lernort für religiöse Bildung, in: Altmeyer,
Stefan u. a. (Hg.), Ökumene im Religionsunterricht (Jahrbuch der Religionspädagogik 32), Göttingen 2016, S. 176–181.



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