zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 2/2022 » REFLEXION


Titelcover der archivierte Ausgabe 2/2022 - klicken Sie für eine größere Ansicht

Material zum Download
Hier können Sie das Downloadmaterial der jeweiligen Ausgaben herunterladen.

Schriftleitung & Redaktion
Schriftleitung & Redaktion stellen sich hier vor.

Herausgeber & Beirat
Herausgeber und Beirat der »Katechetische Blätter« finden Sie hier.

Leseproben
Hier erhalten Sie Einblicke
in unsere Hefte.


REFLEXION
Angelika Walser
Freundschaft als Lernwerkstatt für Moralität
Freundschaft ist eine der wichtigsten Lernwerkstätten für die Entwicklung menschlicher Moralität. Gelebte Freundschaft ermöglicht Menschen jeden Alters die Aneignung und Weiterentwicklung von Empathie, Toleranz, Achtsamkeit und Verantwortung.
Unter den Begriffen Moralität bzw. Sittlichkeit verstehe ich ausdrücklich nicht die herrschenden sozialen Gewohnheiten einer Gemeinschaft, deren Nichtbefolgung zu Sanktionen führt, sondern – viel grundsätzlicher – den Anspruch des Sollens, der sich an den Menschen als freies und fühlendes Vernunftwesen richtet und der ihn letztlich auf das Gute verweist, das zu tun ist. Ich möchte behaupten, dass Freundschaft als »private soziale Beziehung« (Schmidl 177f.) eine der wichtigsten Lernwerkstätten für die Entwicklung menschlicher Moralität darstellen kann. Es ist mir bewusst, dass ich damit in einer philosophisch-theologischen Tradition stehe, die spätestens seit Aristoteles Freundschaft sozusagen ›moralisch-ethisch aufgeladen‹ hat und damit nicht deckungsgleich mit dem ist, was Menschen sich heute gemeinhin von Freundschaft erwarten und was man wohl besser unter dem Label »Sozialkapital« in Anlehnung an Pierre Bourdieu fassen könnte: die Aktivierung eines Netzwerks von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen, die dem*der Einzelnen als Ressource zur Verfügung stehen, wenn Bedarf an beruflichem oder privatem Kontakt besteht. Ein derartiges Verständnis von Freundschaft enthält keine nähere Bestimmung im Hinblick auf den genannten sittlichen Anspruch – ganz im Gegensatz zu folgender Definition, deren katholisch-theologischer Deutungsrahmen unschwer erkennbar ist:

»Freundschaft meint eine Form der zwischenmenschlichen Beziehung, die aus freier Zuwendung hervorgeht und in einer personalen Sympathie der beiden Partner gründet. Freundschaft stiftet eine dauernde Zugehörigkeit und artikuliert sich in gemeinsamen Gesinnungen und Werthaltungen. Die ideale Freundschaft ist da gegeben, wo zwei Menschen einander ihr Inneres erschließen. In wohlwollender Liebe ist der eine auf das Du des anderen gerichtet. Das Eigeninteresse und das Moment der Nützlichkeit dürfen nicht im Vordergrund stehen. In der Freundschaft wird das Zusammensein erstrebt, der Schwerpunkt liegt aber auf der Herzens- und Seelengemeinschaft « (Weismayer 199).

Freundschaft ist hier ausdrücklich auf die Realisierung gemeinsamer Werthaltungen ausgerichtet. Nicht jede real existierende Freundschaft ist jedoch per se schon eine Lernwerkstatt für Moralität – abgesehen davon, dass Freundschaften zerbrechen und die Beteiligten dadurch erheblich und manchmal lebenslang verletzt werden können. Ich möchte daher zunächst die Voraussetzungen ausloten, unter denen Freundschaft zur Entwicklung persönlicher Moralität und letztlich zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung beitragen kann.

Ein Beispiel aus der aktuellen Literatur: Über Menschen

Mein aktueller Lieblingsroman zum Thema heißt Über Menschen und stammt von Juli Zeh. Seine Hauptfigur, Dora, zieht samt Hund nach einer Beziehungs- und Lebenskrise weg aus der Großstadt Berlin aufs Land. Dora ist gebildet, bürgerlicher Herkunft, eine kreative und politisch selbstverständlich grün orientierte Großstadtpflanze. Ihre Hoffnung, in der ländlichen Idylle Frühkartoffeln zu ziehen und Coronaund Klimakrise sowie ihrem politisch hyperkorrekten Ex zu entkommen, geht nicht auf. Ausgerechnet ihr nächster Nachbar im Brandenburger Dorf entpuppt sich als überzeugter und gewaltbereiter Neonazi mit zerbrochener Ehe samt orientierungslosem Kind und einem beachtlichen Vorstrafenregister. Der Unterschied zwischen Gote und Dora könnte nicht größer sein. Und doch passiert das völlig Überraschende: Zwischen den beiden entwickelt sich mit einiger Nachhilfe von Kind und Hund eine zaghafte Freundschaft.

Freundschaften haben nachweislich und von Kindheit an erheblichen Einfluss auf die Entwicklung sozialer Orientierung.

Ohne moralischen Zeigefinger und ohne jede Behübschung lernen nicht nur Dora, sondern auch die Leser*innen dieses klugen und vorsichtigen Romans viel aus dieser seltsamen Beziehung zwischen zwei völlig Ungleichen: Verständnis und zunehmende Achtung vor der Verschiedenheit des anderen; Empathie und zumindest stellenweise sogar Solidarität miteinander. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe oder in der Online-Version.

Zurück zur Startseite

Sie haben die Wahl ...

weitere Infos zu unseren Bezugsarten

Jahresinhaltverzeichnisse

Hier können Sie die Jahresverzeichnisse der letzten Jahre einsehen.


Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Katechetische Blätter
Matthias Grünewald Verlag

Telefon: +49 (0) 711 44 06-134 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum