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REFLEXION
Stephan Trillmich
»… Eltern sein dagegen sehr!«
Was Wilhelm Busch über den Vater gesagt hat, lässt sich wohl auf beide Eltern hin abwandeln: »Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr.« Eltern sind heute immer mehr unter Druck, die work-life-family-balance einigermaßen stabil zu halten. Wie kann dieses Kunststück gelingen und welche Herausforderungen gilt es zu bewältigen?

Es gibt ganz unterschiedliche Perspektiven in diesem Beitrag: Zunächst die des Ehe-, Familien- und Lebensberaters, der täglich mit Elternpaaren über Herausforderungen spricht und nach Gestaltungsmöglichkeiten für das jeweilige Elternsein sucht. Zum anderen bin ich selbst Vater. Dass ich auch der männliche Teil eines verheirateten, heterosexuellen, katholischen … Elternpaares bin, ist für die Reflexion sicher nicht unbedeutend und fließt wohl eher zwischen den Zeilen ein.

Kriegen Eltern nix gebacken?


Die nahezu allgegenwärtige Rede vom Erziehungsnotstand scheint es doch überdeutlich zu zeigen: Eltern kriegen offensichtlich nichts gebacken! Etliche (vermeintliche) Fachbücher erwecken schon im Titel diesen Eindruck: »Warum unsere Kinder Tyrannen werden«, »Der Erziehungsnotstand«, »Lob der Disziplin«. Beim Anschauen von einschlägigen Eltern-Tutorials im Netz entsteht der Eindruck, dass Eltern komplett unfähig sind, ihre Aufgabe zu übernehmen. Ja, ich polarisiere und überziehe absichtlich, das tun nämlich die vielen Ratgeber* innen auch. Denn bei aller Heraus- und gelegentlichen Überforderung von Eltern heute gilt doch zunächst: »Es liegt in unserem evolutionären Erbe, dass Eltern in der Regel im Kontakt mit einem Baby genau das Richtige machen« (Ahnert 130). Ähnlich sieht das der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte- Markwort: 80 % der Kinder und 80 % der Familien seien gesund (vgl. Schulte-Markwort). So schlecht können Eltern ihren Job also im Schnitt nicht machen. Um die 20 %, die Unterstützung brauchen, kümmern sich dann fachlich qualifiziert und unaufgeregt die unterschiedlichen Beratungsstellen, die in Anspruch zu nehmen wirklich keine Schande ist. Fast alle Eltern sind gerne Eltern! Dieses Vorzeichen zu setzen ist mir wichtig, bevor die Herausforderungen angeschaut werden, die Eltern heute zu meistern haben. Der Text schließt mit einigen Ideen zu einem hilfreichen Umgang damit.

Herausforderungshorizont 1: Ich – Paar – Eltern – Trennung

Am Anfang stehen »innere« Herausforderungen, denen sich Eltern-Paare stellen müssen. Dabei macht es nach meiner Erfahrung keinen signifikanten Unterschied, ob diese Eltern verheiratet sind, ob sie eine Patchwork- oder Adoptiv- Familie leben, ob sie allein erziehen, dasselbe Geschlecht haben oder konfessions- oder kulturverbindend erziehen. In der Beratungsarbeit herrscht ein großer Konsens, dass ein glückliches Paar aus zwei glücklichen Ichs besteht, die eben nicht total miteinander verschmelzen. Eltern haben zusätzlich die Aufgabe, Eltern zu sein und dabei ein Paar und zwei Ichs zu bleiben. Die gute Nachricht: Wenn das gelingt, werden beide Eltern als Person davon profitieren und sich entwickeln. Und das stärkt wiederum das Paar – ein wunderbarer Verstärkermechanismus! Allerdings bleiben bekanntlich nicht alle Elternpaare auch Liebespaare – und nicht wenige trennen sich. Da eine Scheidung oft u. a. mit finanziellen Problemen und psychischen Belastungen einhergeht, wird es schwer, das Wohl der Kinder angemessen im Blick zu behalten und als Eltern »da« zu sein. In dieser Situation treffen ganz unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen und Erwartungen Eltern besonders. Angebracht ist daher großer Respekt gegenüber Eltern, die es versuchen und schaffen, gemeinsam Eltern zu bleiben, wenn sie sich als Paar trennen. Und auch hier ist es der Großteil der Eltern, der diesen Spagat schafft.

Herausforderungshorizont 2: Rollenerwartungen und Erziehungsstile

Viele Eltern erleben sich in einer Diskrepanz zwischen Rollenmustern und Erziehungsstilen, die sie aus ihrer (Groß-)Elterngeneration kennen, und denen, die sie selbst leben wollen. Viele Frauen und Männer machen sich deshalb auf den anstrengenden Weg, übernommene Rollenmuster zu reflektieren und sie zu verändern. Ich bin überzeugt davon, dass sich diese Anstrengungen lohnen. Denn sie erweitern die persönlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten der Frauen und Männer und zugleich das »Identifikationsangebot« für Kinder auf dem Weg zu ihrer eigenen Rolle und Lebensführung. Als herausfordernd erlebe ich auf diesem Entwicklungsweg vor allem zwei Faktoren: Zum einen sind die erforderlichen Veränderungen häufig nicht intrinsisch motiviert, sondern erzwungen durch den existenziellen Druck gesellschaftlicher und ökonomischer Rahmenbedingungen. Zum anderen gehen diese Veränderungen mit Unsicherheiten einher: Es werden klare Rollenbilder aufgegeben, während das Neue noch nicht klar ist – auch deshalb, weil ein wichtiger Aspekt ja gerade in einer gewissen Offenheit der neuen Rolle besteht. Diese muss im Individuum, aber auch im Liebes- und Eltern-Paar erst verhandelt und erprobt werden.

Ähnliches gilt für neue Erziehungsstile: Es stehen Eltern und Kindern in vielen Lebensbereichen nahezu endlose Möglichkeiten offen, zu denen fortdauernd Entscheidungen getroffen werden müssen. Dazu zählen auch Fragen, die von gesellschaftlich-ideologischen Kriegen verwüstet sind: Impfen? Homöopathie? Vegane Ernährung? Musikalische Frühförderung? Waldorfschule? Eltern werden auf der Suche nach neuen Erziehungsmodellen bis heute gerne an alte Tugenden wie Disziplin, Autorität und Ordnung erinnert. Aus der Sicht der Erziehungsberatung keine gute Idee: »Jene Kinder, die ernsthafte Probleme in ihrer Entwicklung haben, kommen meist aus Familien, in denen noch immer die alten Rezepte Anwendung finden. In denen sich die Eltern immer sehr sicher sind, alles richtig zu machen, in denen vor allem Disziplin, Ordnung und Respekt zählen« (Juul). Der grundlegende Gewinn neuer Erziehungsperspektiven liegt aber darin, dass Kinder nicht länger zum Objekt von Erziehung gemacht werden. Es geht vielmehr um eine »Erziehung auf Augenhöhe«, um ein Miteinander- Wachsen und Voneinander-Lernen. In einem solchen Modell geschieht Erziehung zu 90 % dadurch, »dass Kinder sich intuitiv an Vater und Mutter orientieren: Sie findet gewissermaßen zwischen den Zeilen statt – dadurch, wie die Eltern miteinander umgehen, mit den Nachbarn, den eigenen Eltern, wie sie streiten, essen, wie sie lieben. Erziehung ist letztlich wie Osmose, sie geht durch die Haut« (Juul). Wenn dem so ist, heißt das für Eltern, dass sie ihr Konflikt- und Liebesverhalten, ihr Leben als Mann und Frau, als Vater und Mutter, ihre Art und Weise, auf sich selbst zu achten, zu arbeiten, in der Welt zu stehen, reflektieren sollten. Das ist anstrengend, aber auch selbstverwirklichend und befriedigend.

Herausforderungshorizont 3: Erwartungen von Gesellschaft und Wirtschaft

Die Anforderungen an Eltern sind immens. Sie sollen »im Beruf Höchstleistung bringen, Karriere machen, eine Familie gründen und sich fürsorglich um Kinder kümmern, um denen wiederum einen erfolgreichen Start in ein erfolgreiches Leben zu ermöglichen« (Bertram). Das bedeutet für die Erziehung, dass Kinder maximal erfolgreich, wettbewerbsfähig und gleichzeitig selbstständig und kreativ werden sollen. Sie sollen Verantwortung und Freiheit lernen, demokratieliebende und -gestaltende Bürger*innen werden, in das Schulsystem passen und effektive Arbeitskräfte werden. Die Zeit, die Eltern dazu bräuchten, verbringen sie heute aber zum großen Teil mit Erwerbsarbeit: zusammengenommen im Schnitt 72 Stunden in der Woche! (vgl. ebd.). Noch vor einer oder zwei Generationen waren es die durchschnittlichen 48 Stunden, die ein Elternteil – damals noch in der Regel der Vater – arbeitete.

Herausforderungshorizont 4: Ungenügende gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Die »gesellschaftliche Infrastruktur« scheint den Anforderungen an Eltern in vielen Bereichen diametral gegenüberzustehen: »Institutionen und Infrastrukturen passen oft noch nicht zum veränderten Familienalltag. Seien es fehlende Kita-Plätze in Wohnortnähe, mangelnde Qualität oder unzureichende Flexibilität – diese Nicht-Passung trägt dazu bei, dass Eltern nur schwer den Ansprüchen in Beruf und Familie gerecht werden« (Bertelsmann Stiftung). Die Studie der Bertelsmann Stiftung belegt zudem, dass Eltern, die in Armut leben und/oder alleine erziehen, von allen Benachteiligungen härter getroffen werden. »Familien- und Kinderarmut sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse erhöhen den Druck. Besonders Alleinerziehende sind hiervon betroffen: Sie beziehen fünfmal häufiger Hartz IV als Paarfamilien, jedes zweite Kind im SGBII- Bezug lebt nur mit einem Elternteil zusammen « (ebd.). Die ratgeberinduzierte Beschäftigung mit dem vermeintlichen Kontroll- und Förderwahn, mit Rasenmäher- und Helikopter- Eltern gaukelt vor, dass es sich dabei um ein riesiges gesellschaftliches Problem handelt. Eltern- und Familienarmut wiegt dagegen aber viel schwerer. »Tatsächlich ist ein viel drängenderes Problem, dass hierzulande 21 % aller Kinder dauerhaft in Armut leben. (…) Das bedeutet psychischen Stress, beengte Wohnverhältnisse, wenig Geld für gesundes Essen, Bildung, Hobbys oder Urlaub. Statt unter übermäßiger Verwöhnung und Förderung leiden vermutlich mehr Kinder unter Benachteiligung und Ausgrenzung sowie geringen Chancen auf gesellschaftlichen Aufstieg. (…) Vielleicht wäre das eine oder andere besorgte Elternpaar durch den Blick über den Tellerrand dann sogar in der Lage, die eigenen Ängste ein Stück weit zu relativieren« (Ustorf 85).

Eltern sein heute – vier hilfreiche Perspektiven


Zum Ende hatte ich einige Ideen angekündigt – jenseits der üblichen Ratgeber-Floskeln. Daher nur vier Tipps, die ich aus persönlicher Erfahrung und fachlicher Reflexion als hilfreich erachte:

1. »Bange machen lassen gilt nicht«: Elternschaft ist kein Megaprojekt, für das Frauen und Männer sich erst als qualifiziert beweisen müssten: Es gibt Instinkte, Wissen, Gefühle, denen sie folgen dürfen. Und wenn Eltern unsicher werden, gibt es qualifizierte Stellen, Einrichtungen, Menschen, die helfen können.

2. Gelassenheit: Vieles können Eltern lernen, Tipps und Techniken helfen sicher. Grundlegend ist und bleibt aber eine Haltung der Liebe, des Respektes und des Wohlwollens gegenüber den Kindern. In dieser Haltung zu erziehen bringt die große Chance mit sich, auch selbst zu wachsen, neue Seiten der eigenen Persönlichkeit zu entwickeln, in der Partnerschaft ein dynamisches Miteinander zu erfahren. Es wird möglich, (vermeintliche) Gewissheiten zu Rollen und Erziehung hinter sich zu lassen und sich als Eltern neue Perspektiven zu erschließen!

3. Mut zum Unperfekt-Sein: Ja, Eltern werden ihr Kind formen. Es bleibt aber frei, Dinge anders zu machen, als sie es sich wünschen oder erwarten. Diese Tatsache ist tatsächlich einer der wirklichen Testfälle, ob Eltern mit ihrem Kind ›auf Augenhöhe‹ sind: Wenn Kinder sich anders entwickeln und entscheiden – bleiben Eltern dann (wirklich!) an ihrer Seite?

4. Fehlerfreundliche Kommunikation: Eltern können und sollten in alle Dimensionen ihrer Kommunikation mit den Kindern einfließen lassen, dass sie Fehler machen, dass sie gelegentlich unsicher, überfordert, zweifelnd sind. Sie können aus der Haut fahren, dürfen ungerecht sein, mal schreien – wenn sie all das besprechen können. (Nur zur Klarheit: Eltern dürfen nicht körperliche oder psychische Gewalt anwenden, demütigen, erniedrigen oder vernachlässigen).

Wenn ich auf die geschilderten Herausforderungen blicke und auf die Tatsache, dass die allermeisten Eltern gute Eltern sein wollen und sind, finde ich eine passende Zusammenfassung im Diktum von den »hinreichend guten Eltern« von Donald Winnicott, das L. Ahnert aufnimmt: »Der zentrale Begriff ist für mich die ›Feinfühligkeit‹ im Umgang mit dem Kind: Man muss dessen Bedürfnisse erkennen, sich auf den Nachwuchs einlassen und ihm helfen, unsere komplizierte Welt zu erkennen und sich in ihr zurechtzufinden. Das Was und Wie des Einlassens und Unterstützens ist dabei abhängig von den Fähigkeiten, die Väter und Mütter dank ihrer eigenen Einstellungen und Erfahrungen einsetzen können und wollen. So entstehen verschiedenste Varianten des Elternseins, die alle ›hinreichend gut‹ sind« (Ahnert 132).


 
Literatur

Ahnert, Lieselotte, Sind wir gute Eltern?, in: GEOkompakt 61 (2019) »Die Kraft der Familie«, S. 130–134.
Bertelsmann Stiftung, https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/familie-und-bildung-politik-vom-kind-aus-denken/projektthemen/familieheute-vielfaeltig-und-herausfordernd/.
Eine neuere Studie zur Kinderarmut betrachtet die durch die Corona-Krise hervorgerufenen Verschärfungen der Lage: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/ aktuelle-meldungen/2020/juli/kinderarmuteine- unbearbeitete-grossbaustelle.
Bertram, Hans, Die erschöpfte Generation: Warum es junge Eltern heute so schwer haben, Interview in GEO Wissen unter https://www.geo.de/wissen/gesundheit/22336-rtkl-soziologie-die-erschoepfte-generation-warum-es-junge-eltern-heute-so.
Juul, Jesper, Mit Gelassenheit erziehen, Interview in GEO Wissen unter https://www.geo.de/magazine/geo-wissen/1473-rtkl-erziehungsstile-interview-mit-gelassenheit- erziehen.
Schulte-Markwort, Michael, Podcast »After Corona Club« mit Anja Reschke, https://audiothek.ardmediathek.de/items/74618154), 2020.
Ustorf, Anne-Ev, Wohlwollend vernachlässigen? (Rezension zu Allan Guggenbühl, Für mein Kind nur das Beste. Wie wir unseren Kindern die Kindheit rauben, Zürich 2018), in: Psychologie heute 10/2019, 85.
(alle angegebenen Links eingesehen am 03.07.2020)
 


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