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| Anne Hilpert |
| (Dem) Körper glauben |
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Was bewegt dich? Im Alltag ist das jede Menge – die aktuellen Schlagzeilen aus aller Welt, minütliche Push-Nachrichten, zahlreiche Social Media-Posts und Likes, ständige Updates, Events, unzählige Fristen und Termine. Wir sind eigentlich immer auf dem Sprung, absolut flexibel und vor allem jederzeit online. Wer in der heutigen Zeit mithalten und nichts verpassen will, ist definitiv bewegt – um nicht zu sagen getrieben, gehetzt, gestresst und selbstverständlich komplett optimiert. So bleibt oft weder Zeit noch Ruhe und Muße, um dem nachzugehen, was tiefer geht und nachhaltiger bewegt, als der Coffee to go oder die neueste Fitness App. Was bewegt dich? Diese simple Frage kann mit Oberflächlichkeiten abgespeist werden, oder eben existenziell werden:
Was ist das Eigentliche in meinem Leben, das, was mich unbedingt angeht (Paul Tillich) und erfüllt, was mich trägt und leitet, was meinem Leben Richtung und Sinn gibt?
In der Psychologie wird die Sehnsucht des Menschen nach Sinn- und Selbstfindung wissenschaftlich beschrieben und begründet sich nach dem Psychologen Julius Kuhl darin, dass Menschen nicht automatisch Zugang zu ihrem Innersten haben. Stattdessen machen immer mehr Menschen in der heutigen Zeit die Erfahrung der Entfremdung vom eigenen Selbst. Nichtsdestotrotz scheint die Beschäftigung mit den großen Fragen des Menschseins rückläufig – im Kontext von christlicher Religion, aber auch insgesamt. Zunehmend fehlen außerdem Instanzen, die dem Menschen eine umfassende Begleitung anbieten bei ebenjenen großen Fragen des eigenen Menschseins und den damit einhergehenden Prozessen. Wie gehen wir in einer naturwissenschaftlich geprägten, evidenzbasierten Wissens- und Leistungsgesellschaft mit dieser ganzheitlich-intuitiven Wissensform um, die sich in der Beschäftigung mit dem eigenen Selbst zeigt? Denn das, wonach wir uns sehnen, worauf wir hoffen, und auch das, woran wir (ver-)zweifeln, lässt sich nicht immer (sofort) in Worte fassen, sondern zeigt sich auf vielfältige, ganzheitliche und intuitive Weise: als ein vages Gefühl, eine Unruhe, eine Wärme, eine Anspannung, ein Wohlgefühl, eine Farbe, ein Ton oder ein inneres Bild. Hier zeigt sich etwas zuerst als gefühlte Erfahrung, als ganzheitlich-intuitives Wissen und sieht sich dann mit dem logischen Verstand konfrontiert. Die Rationalität der Tiefendimension von Wirklichkeit, die sich den Menschen auf vielfältige Weise zeigt, kann mitunter sprachlich nicht adäquat zum Ausdruck gebracht werden oder widersetzt sich gar der verstandesmäßigen Logik.
Begründet sich darin die Vermeidungstendenz dieser Fragen? Aufgrund der Tatsache, dass eine Beschäftigung mit dem, was mich in meinem Sein wirklich bewegt, dasjenige Wissen befördert, das sich unmittelbar zeigt, aber weder intersubjektiv sprachlich kommunikabel noch logisch oder formalisiert greifbar ist?
Zwischen Verstand und Gefühl
Kuhl bezeichnet in seiner Publikation »Spirituelle Intelligenz« den wahrnehmbaren Bruch zwischen logischem und intuitivem Wissen mit dem Begriff der »epistemischen Apartheit «. Eine solche Apartheit attestiert er unserer westlichen Gesellschaft. Die strikte Trennung von Verstand und Gefühl seit der Aufklärung begünstige dabei Einseitigkeiten aufgrund der Fokussierung auf je eine alleinige Wissensform. Denn während die analytische Intelligenz Vereinfachungstendenzen an den Tag lege, um die Vielfalt an Informationen überhaupt verarbeiten zu können, berge die gefühlte Erfahrung ohne das logische Denken die Gefahr, in esoterisches Schwärmen abzudriften. Letztlich ermögliche erst das Zusammenspiel von beiden Erkenntnisformen, komplexe Gegenstände – wie das Menschsein oder der Urgrund des Seins – allumfassend zu durchdringen. Nach Kuhl braucht es daher den ständigen Austausch zwischen ganzheitlich-intuitiver und sequenziell-analytischer Intelligenz. Die Überwindung der epistemischen Apartheit und damit Zusammenführung beider Erkenntnissysteme sieht Kuhl als Aufgabe und Stärke der Religion – und in besonderer Weise im Christentum gegeben. Denn die Kernaussage der christlichen Religion, der fleischgewordene Logos, verdeutliche, dass das Christentum wesenhaft sowohl an kognitiver Erkenntnis als auch an ganzheitlichem Erfahrungswissen interessiert sei.
Ausgehend von dieser Aufgabenbeschreibung steht Theologie (und damit auch die Religionspädagogik) vor der Herausforderung, in der heutigen Zeit eine Erkenntniskultur zu etablieren, die – bildlich gesprochen – Kopf und Körper zusammenbringt und beide Wissensund Sprachsysteme miteinander verknüpft. Dazu gehört meines Erachtens sowohl eine Rückbindung der Sprache an die Körperlichkeit – denn Sprache ist faktisch ja embodied – sowie eine bewusste Schulung des Körpers, um ein beliebiges Ahnen und Willkür auszuschließen. Die Embodimenttheorie liefert mit ihrer Grundaussage der wechselseitigen Beeinflussung von Körper, Geist und Umwelt eine wichtige Grundlage für eine solche Erkenntniskultur. Ebenso hilfreich ist der erkenntnistheoretische Perspektivwechsel von einer hermeneutischen zu einer performativen Sichtweise. Denn erst, wenn beide Perspektiven zusammenkommen und die jeweiligen Wissensformen integriert werden, entsteht ein Bild der Wirklichkeit, das ihrer Komplexität (und damit auch Tiefendimension) gerecht wird. Dem Körper zu glauben und mit dem Körper zu glauben, ist damit nichts anderes als die Integration der ganzheitlich-intuitiven Intelligenz und die Überwindung des Dualismus von Ich und Selbst, Verstand und Gefühl hin zu einem einheitlichen Weltbild. In einem solchen Weltbild werden Geist und Materie ohne Widerspruch zusammengedacht, die unterschiedlichen Erkenntnisformen hinsichtlich ihrer Grenzen transzendiert und damit sowohl die kleinen Transzendenzen im Diesseits als auch die große Transzendenz (wieder) möglich.
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