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| Anne Hilpert |
| Körper kommunizieren |
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Im Tanzstudio: Der Blick auf den Stundenplan verrät mir, dass wir uns mit Contact Improvisation, kurz CI, beschäftigen werden. CI ist eine Stilrichtung des zeitgenössischen Tanzes, die in New York beheimatet ist und seit den 1970ern praktiziert wird. Kern dieser Tanzform ist der »point of contact« zwischen zwei Menschen – daraus entsteht die Inspiration zum Tanz, um nicht zu sagen, daraus entsteht der Tanz selbst.
Das Warm-up findet an diesem Tag direkt in Partnerarbeit statt. Meine Partnerin nimmt eine Pose ein. Ich bin angehalten, die Lücken und Zwischenräume ihres Körpers mit meinem Körper zu füllen, ohne sie dabei zu berühren. Also fädele ich mich in sie hinein und werde ein Puzzlestück, das mit ihrem Körper zusammen ein Ganzes ergibt. Dann schlüpft sie – ohne Berührung – aus mir heraus. Eine neue Ausgangssituation und das Räume-Sehen und Lücken-Füllen beginnt erneut. Ein fließender Wechsel der Körperräume, die geöffnet, gefüllt, verändert, zurückgelassen werden. Wir berühren uns nicht und sind doch eng miteinander verbunden und zu jeder Zeit komplett aufeinander bezogen. Innerhalb von Sekunden tauchen Bilder auf und verschwinden wieder, Geschichten entstehen und hinterlassen eine Atmosphäre, Emotionen kommen und gehen.
Es bleiben zwei Körper in Resonanz, die sich in den Raum einschreiben. Nach diesem Intro werden wir aufgefordert, in den tatsächlichen Körperkontakt zu gehen. Meine Wahrnehmung wechselt vom Negativraum des Körpers hin zu knöchrigen und weichen Strukturen, zu Halte- und Stützpunkten sowie Auflageflächen: Körper auf Körper. Ich bin damit beschäftigt, herauszufinden, wie zwei Körper miteinander verbunden werden können in der Bewegung. Sofort vertieft sich die Wahrnehmung – vom Spüren auf der Haut, auf die Ebene von Knochen, Muskeln, Gewebe: Arme greifen, Becken rollen, Beine stützen, Rücken gleiten – Körper fließen in- und miteinander. Die Grenzen meines Körpers sind aufgehoben. Wo fängt er an, wo hört er auf? Wer davon bin ich? Im Fluss der Bewegung bin ich Teil eines größeren Ganzen. Es geht um Kontakt, Berührung, die erdende Schwerkraft und die Leichtigkeit des Fliegens. Ein intensiver Kontakt entsteht und eine feine Wahrnehmung ist die Voraussetzung.
CI ist für mich vor allem eins: ein zwischenleibliches Begegnungsgeschehen. Diese leiblichen Kommunikationsprozesse streben nach Synchronisation, denn erst dann entsteht ein geschmeidiges Zusammenspiel der Körper im Miteinander. Mit Merleau-Ponty gesprochen ist der Leib die raumzeitliche Existenzweise des Menschen und die Existenz beständige Verleiblichung. Dabei ist das leibliche Selbst des Menschen immer schon auf den anderen bezogen, was ebenjene Zwischenleiblichkeit bezeichnet. Jede noch so kleine Geste und Bewegung des Menschen evoziert eine gefühlte Mitbewegung am Gegenüber. In der leiblichen Kommunikation kann Resonanz wahrgenommen werden. Beim Tanz erscheint die Idee von Synchronisation als Mittel der nonverbalen Kommunikation offensichtlich. Hier sprechen unsere Körper: ein zwischenleiblicher Austausch an Informationen, ein Aushandeln und gemeinsames Gestalten für ein müheloses Miteinander.
Ein Blick auf das Kommunikationsverständnis der verbalen Kommunikation zeigt, dass diese noch maßgeblich durch die Kanaltheorie geprägt ist, die von einer (ziel)gerichteten und kontrollierbaren Übertragung einer fixen Botschaft ausgeht – Flaschenpostprinzip oder eben: Informationsübertragung innerhalb von Computersystemen. Mit dem, was ich in der CI als zwischenleibliches Kommunikationsgeschehen erlebe, hat das wenig zu tun.
Dabei gilt auch für verbale Kommunikation, dass die Bedeutungen erst innerhalb des Systems entstehen, das sich beim Zusammentreffen der beteiligten Personen je neu bildet. Menschliche Kommunikation zielt auf Synchronie und ist durch einen wechselseitigen Aushandlungsprozess geprägt. Um diesen relationalen Dynamiken gerecht zu werden, schlagen die Psychologen Maja Storch und Wolfgang Tschacher vor, Kommunikation nicht über das Sender-Empfänger-Modell, sondern als »Embodied Communication« zu begreifen. »Embodied Communication« geht davon aus, dass sowohl Sender als auch Empfänger – um im Sprachgebrauch zu bleiben – gleichzeitig senden und empfangen. Ganz nach Watzlawicks Aussage der Unmöglichkeit der Nicht- Kommunikation werden laufend unterschiedliche Nachrichten gesendet und empfangen und das sowohl auf bewusster als auch auf unbewusster Ebene. In dem Zusammentreffen zweier Personen in einem Kommunikationsgeschehen ereignen sich somit vielzählige Prozesse, die sich mittels der sozialen Musterbildung selbstorganisieren mit dem Ziel der Synchronie. An der Herstellung dieser Synchronisierungsprozesse ist der Körper in Form der zwischenleiblichen Kommunikation maßgeblich beteiligt. In einem komplexen Geschehen der Übertragung entsteht eine gleichgerichtete Dynamik des leiblichen Spürens, wie es beim Abstimmen und Synchronisieren von Bewegungen oder auch Emotionen deutlich wird. Trotz der gleichgerichteten dynamischen und energetischen Qualitäten handelt es sich dabei um einen ausdifferenzierten, wechselseitigen, leiblichen Aushandlungsprozess der Beteiligten, der nicht mit Homogenisierung gleichzusetzen ist. In diesem Dazwischen – zwischen Ich und Du – verflechten sich Eigenes und Fremdes miteinander, wodurch kein Zusammengesetztes, sondern ein ineinanderfließendes Ganzes entsteht. Das gilt sowohl für den Tanz als auch für verbale Kommunikationsprozesse. Zwischenleibliche Kommunikation bedeutet Kommunikation auf Basis des synchronisierten Embodiment der beteiligten Personen. Dieses neue Verständnis von Kommunikation wird für mich in der CI auf eindrückliche Weise erfahrbar. Wenn ich ganz und gar auf die menschliche Fähigkeit zur leiblichen Kommunikation angewiesen bin, verfeinert sich meine Wahrnehmung für diese Prozesse. Ich werde aufmerksam für meine spontane leibliche Resonanz auf die gesehene Bewegung und wahrgenommene Atmosphäre: Etwas bewegt und berührt mich, spricht mich an und »sagt« mir in diesem Sinne etwas. Diese leibliche Intelligenz ergänzt und erweitert das kognitive Denkvermögen, sodass in der leibhaften Begegnung der sinnlich artikulierte Sinn verstanden werden kann. Es ist also immer zuerst der Leib, der reagiert und der spontan und unmittelbar im Sinnlichen den Sinn erfährt und der Synchronisierungsprozesse initiiert. Gelingende Kommunikation, ob verbal oder nonverbal, braucht Synchronie – und hier kommen wir am Körper nicht vorbei. Das leibliche Vermögen der Empfindungen, Wahrnehmungen und Intuition sind in diesem Verständnis als wichtige und wesentliche Fähigkeiten für Kommunikation zu betrachten, die sowohl verlernt als auch geschult werden können.
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