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| Anne Hilpert |
| Körper wissen |
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Montagmorgen, 9 Uhr, im Tanzstudio. Ich bin nervös. Es ist der erste Tag meines Grundstudiums Tanz, Improvisation, Performance. Außer mir sind weitere 12 Menschen aus fünf verschiedenen Nationen anwesend, die mit mir diese Tanzausbildung beginnen. Der Lehrer beginnt mit einer kurzen Namensrunde und dann geht es direkt los.
Wenig Worte, dafür viel Körper und noch mehr Bewegung: Wir rennen kreuz und quer durch den Raum, wechseln die Ebenen, sehen Zwischenräume und Konstellationen. Wir dehnen die Bewegung in eine schier unendliche Langsamkeit, um sofort danach bis ans Maximum zu beschleunigen. Wir bewegen nicht nur Gliedmaßen, sondern auch das Steißbein, die Ohren und die Wangen. Wir bemühen uns, Haut, Sehnen und Knochen in der Bewegung wahrzunehmen, erforschen Bewegungsqualitäten, verstärken diese onomatopoetisch und erwecken Imaginationen zum Leben. Innere Bilder werden in der Bewegung zum Ausdruck gebracht. Mein Körper ist so wach wie nie zuvor, mein Geist in einem inspirierten und kreativen Zustand – ich erlebe Flow. Nah dran an der Überforderung, absolut im Hier und Jetzt und eins mit meinem Körper, der ich bin.
Und immer dann, wenn ich die Aufgaben planen und die Antworten verstandesmäßig wissen will, bin ich raus. Komplett überfordert und hilflos. Meine Bewegungen wirken leer, ich weiß nicht mehr, was ich tun und wie ich mich bewegen soll. Mein Kopf hat übernommen, sich über den Körper erhoben und scheitert grandios. Ich bin frustriert. Die Antwort des Lehrers: »Du hast alles, was du brauchst, in dir. Vertraue dem Prozess. Hör auf zu suchen. Finde!« Fortan bemühe ich mich, Kopf und Körper nicht zu trennen, sondern das Zusammenspiel von beidem zu nutzen. Diejenige Hirnregion, die so gerne alles unter Kontrolle hat und auf den Begriff bringen möchte, darf dabei etwas leiser werden. Nach und nach verstehe ich, dass es immer wieder das Entweder- Oder ist, das mich zum Straucheln bringt.
Die unterbewusste binäre Denkgewohnheit, die versucht ist, den Körper und den Geist als getrennte Entitäten zu fassen, weil ich es sprachlich so gewohnt bin: Ich und mein Körper. Aber wie sollte ich mich von meinem Körper abtrennen? Ich erlebe gerade intensiver denn je, dass ich nie nicht Körper bin und nie nicht kommuniziere. Der vermeintliche Rückzug in den Geist, bei dem die Körperempfindungen ruhiggestellt werden, funktioniert in diesem Kontext nicht. Ich werde gesehen und das immer. Mein Körper zeigt an, was alles da ist. Es strengt mich an, so sichtbar zu sein, und gleichzeitig begreife ich zunehmend, was mein Körpersein wirklich bedeutet. Sobald ich das Entweder-Oder aufgebe, komme ich in diesen wunderbaren wachen Zustand: Ich erlebe mich als eine Einheit. Ich nehme Dinge wahr, die ich noch nie gespürt habe, und erkenne Details, die mir bisher verborgen waren. Plötzlich wird alles zur Inspiration für mein Bewegen: Der Fleck auf dem Boden, das Knarzen des Holzbodens, die Bewegungsspur der Mücke am Fenster und der lose Faden an der Trainingshose. Die äußere Welt dringt in mein Inneres, sie drängt sich geradezu auf. Und meine innere Welt drängt ins Außen: Bilder, Wörter, Töne formen sich in Bewegung. Mein Bewegen ist nicht beliebig, sondern klar in seinem Bezug auf diese Welt, die sich mir mit allen Sinnen gibt. Mein Innen ist mein Außen und das Außen wird zu meinem Inneren. Jeder Eindruck wird zum Ausdruck. Meine Welt ist eine andere geworden – schon jetzt.
Eindrucksvoll und ausdrucksstark – somatisiertes Wissen
Nach sechs Stunden voller Bewegung ist der erste Tag zu Ende. Ich weiß von den anderen Studierenden nichts außer ihren Namen und welche Muttersprache sie sprechen – und weiß doch unendlich viel über sie. Ich kenne die Qualität ihrer Bewegung und ihre Energien. Ich habe ihre Körper mit all ihren eingeschriebenen Erfahrungen erlebt. Der Raum ist voller Bilder, Geschichten und Emotionen. Das alles ist in meinen Körper übergegangen – manches bewusst, sehr vieles unbewusst, aber dennoch wahrnehmbar. Die Körper, ihre Bewegungen und die Berührungen haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Noch nie habe ich dieses Wort besser verstanden. Wenn ich diese Eindrücke ins Wort bringen will, klingt es seltsam, irgendwie auch absurd. Sprache wirkt stümperhaft und hilft nicht weiter: Das nennt man wohl somatisiertes, nicht-propositionales Wissen. Der Begriff ist ebenso sperrig, wie das Wissen selbst, sofern man Greifbarkeit, Objektivität und intersubjektive Kommunizierbarkeit als Kriterien anlegt. Diese Form des Wissens lässt sich nicht mittels der binären Struktur wahr/falsch erfassen. Nach einem Tag im Tanzstudio ist mir das mehr als deutlich geworden.
Das Bewegliche der Bewegung kann ich diskursiv nicht festnageln. Diese Ausbildung öffnet mir die Augen für ein Wissen, das ich davor nicht kannte. Meinen Drang nach kognitiver Deutung und Kategorisierung lege ich stückweise ab. Zunehmend verstehe ich, dass es mich nur begrenzt weiterbringt. Stattdessen lerne ich meinen Wahrnehmungen und meinem Gespür zu trauen. Wie lerne ich das? Indem ich wieder zum Kind werde, das die Welt neu entdeckt: Sehen und tasten, neugierig entdecken. Ich spüre genau hin. Nehme wahr. Lasse Deutungen und Wertungen los. Ich staune jedes Mal aufs Neue, wie eine einzige Bewegung die gesamte Atmosphäre im Raum verändern kann.
Ich nehme begeistert wahr, wie mein Körper reagiert, wenn ich Bewegungen erlebe und wie feinfühlig er andere Körper in der Nähe erspürt. Ich begreife, dass das körperliche Bewegungswissen an den Körper selbst geknüpft ist. Das sprachliche Einholen macht dieses Wissen nicht wahrer oder wissenschaftlicher, sondern bleibt ein Übersetzungsversuch. Das Ringen um den richtigen Begriff, um annähernd die wahrgenommene Qualität zu beschreiben, verdeutlicht das. Der Reflexionsprozess beginnt mit der Irritation: Wenn ich merke, dass mein bisheriges Muster nicht mehr trägt, dass meine Grenze verschoben wird, ich keine Antwort mehr habe. Und das merke ich zuallererst körperlich: durch ein ungutes Gefühl, durch Enge und Druck oder andere somatische Marker. Erst danach kommt der Kopf und versucht zu greifen, was der Körper bereits verstanden hat. Seit diesen intensiven Tagen im Tanzstudio schätze ich das Wissen und die Kompetenz von Körpern sehr. Es ist sehr befreiend, dass ich dieses Wissen nicht kognitiv kategorisieren, deuten oder gar kontrollieren muss. Die Kommunikation in dieser Sprache ist direkter, ehrlicher und schneller. Ich weiß nun, dass das Körperwissen valide statt unwissenschaftlich ist. Entscheidend ist letztlich, wie ich den Wissensbegriff definiere und ob ich bereit bin, die binäre Einordnung in Richtig und Falsch abzulegen und mich auf diese Kommunikation einzulassen.
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