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| Lukas Ricken / Helena Stockinger / Eva Stögbauer-Elsner |
| Wahrheit in Szenen |
| Die Frage nach Wahrheit zielt in die Mitte religionspädagogischer Praxis. Die folgenden Szenen aus dem (Berufs-)Alltag der Heftbetreuer:innen verdeutlichen exemplarisch, auf welch unterschiedlichen Ebenen Wahrheit angefragt und verhandelt wird. |
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Szene 1: Frage nach der Wahrheit in biblischen Texten Wenn ich den Oberstufenflur meiner Schule, den Stapel Einheitsübersetzungen jonglierend, betrete, begegnet mir nicht nur Hilfsbereitschaft (»Soll ich Ihnen etwas abnehmen?«), sondern auch Vorfreude. Viele meiner Schüler:innen haben ein hohes Interesse an biblischen Texten, bringen aber auch einen von Social Media und charismatischen Theologien geprägten Erwartungshorizont an deren Inhalte mit. Ausgehend von diesen Erwartungen muss der Religionsunterricht irritieren und zum Hinterfragen anregen. Wieso gibt es zwei Schöpfungserzählungen? Wieso geben die Evangelien unterschiedliche letzte Worte Jesu am Kreuz wieder? Die Erkenntnis, dass die Wahrheit der biblischen Überlieferung auf einer anderen, tieferen Ebene zu suchen ist, wird anfangs als Zumutung, dann aber oft als lohnende Herausforderung – und manchmal vielleicht auch als Befreiung – erlebt. (Lukas Ricken)
Szene 2: Klärung des Wahrheitsverständnisses Im Rahmen einer ethnografischen Forschung in einem Kindergarten in katholischer Trägerschaft durfte ich folgende Szene beobachten: Eine Pädagogin erzählt den Kindern die biblische Schöpfungsgeschichte. Am Ende fragt ein Bub, ob diese auch »wirklich wahr« sei. Die Pädagogin bejaht dies. Daraufhin erzählt der Bub den restlichen Tag allen freudig aufgeregt, dass die Geschichte wirklich wahr sei. Die anderen Kinder scheinen von seiner Begeisterung wenig beeindruckt zu sein. Unklar bleibt, welches Wahrheitsverständnis der Aussage der Pädagogin und der Interpretation des Buben zugrunde liegt. Gerade bei biblischen wie auch anderen religiösen Texten ist die Frage zentral, in welchem Sinn sie als »wahr« verstanden werden können und welchen Wahrheitsanspruch sie erheben. Dies gilt besonders für Kinder und Erwachsene, die sich von solchen Geschichten berühren lassen, wie dies bei dem Buben der Fall ist. Wird diese Frage nicht thematisiert, besteht die Gefahr, enttäuscht zu werden oder sich belogen zu fühlen. (Helena Stockinger)
Szene 3: Angst vor der Wahrheitsfrage Wenn ich mit meinen Studierenden über ihre Unsicherheiten beim Unterrichten nachdenke, kommt jedes Semester Ähnliches zur Sprache: Wie soll ich reagieren, wenn Schüler:innen fragen, ob die Welt wirklich in sieben Tagen erschaffen wurde, es die Sintflut tatsächlich gegeben hat, Jesus in echt übers Wasser gegangen ist, Maria de facto Jungfrau war und Gott ernsthaft die Ägypter mit Plagen überzogen hat? Die angehenden Lehrkräfte ringen bei diesen Fragen sowohl mit ihrem persönlichen Glaubens- und Wahrheitsverständnis als auch mit der Angst, etwas »Falsches« zu sagen und Schüler:innen durcheinanderzubringen. Demgemäß wird auf gemäßigte, zuweilen relativierende Antworten ausgewichen: »Früher hat man das so geglaubt.« »Das darfst du nicht wörtlich nehmen, das ist nur symbolisch.« »Da steckt ein Kern Wahres drin und dann wurde ganz viel dazu erfunden.« »Das kannst du dir so denken, wie du willst. Da gibt es kein Richtig oder Falsch.« »Jeder sieht das anders und alle haben irgendwie recht.« – Es fällt schwer, die Suche nach Wahrheit als lebenslangen Prozess zu verstehen und auszuhalten, bei dem um tragfähige Antworten gerungen wird und zu dem Verunsicherungen ebenso gehören wie Fragen, Zweifel und Kritik. (Eva Stögbauer-Elsner)
Szene 4: Ringen um und Scheitern an einer gemeinsamen Wahrheit Während einer Fortbildungsveranstaltung erzählte eine Religionslehrerin folgende Erfahrung: Zum Schuljahresende bat die Direktorin die Lehrkräfte des katholischen, evangelischen, orthodoxen und islamischen Religionsunterrichts, gemeinsam mit den Schüler:innen einen interreligiösen Gottesdienst vorzubereiten. Daraufhin begann eine gemeinsame Suche nach Liedern, Gebeten und Formulierungen, die sich für alle Beteiligten wahr und stimmig anfühlten. [...]
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