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AUFTAKT
Heike Harbecke / Gabriele Theuer
Fluchtgeschichten – von der Bibel bis heute
Weltweit sind derzeit über 100 Millionen Menschen auf der Flucht. Verfolgung, Konflikte, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen zwingen sie, ihre Heimat zu verlassen und eine neue zu suchen. Das biblische Buch Exodus erzählt ebenfalls vom Aufbruch aus Unterdrückung und dem beschwerlichen Weg in eine neue Zukunft.
Fluchtgeschichten – von der Bibel bis heute
Heutige Schüler:innen sind in ihrem Schulalltag vielfältig mit dem Thema Flucht konfrontiert: »Ein großer Anteil in gegenwärtigen Schulklassen stammt aus Familien mit ganz persönlicher Auswanderung, Flucht- und Zuwanderungsgeschichte, die selbst erlebt oder noch in Erzählungen präsent ist« (Naumann, Beitrag in diesem Heft). So gut wie alle Schüler:innen kennen geflüchtete Mitschüler:innen. Ihre je eigenen Fluchtgeschichten und -erfahrungen sind unterschiedlich, ihre Perspektiven, Haltungen und Empfindungen individuell ganz verschieden. Die Beschäftigung mit der Exoduserzählung im Religionsunterricht gibt Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, eigene Fluchterfahrungen (geschützt) zur Sprache zu bringen und weitere Perspektiven dazu wahrzunehmen.

Das Wagnis der Flucht

Das Buch Exodus erzählt eine Fluchtgeschichte: Flucht und Vertreibung sind Phänomene, die Menschen unterschiedlichster Epochen betreffen. Immer wieder müssen Menschen ihre Heimat verlassen, sich auf den Weg machen ins Unbekannte. Anlässe für die Flucht sind vielfältig: menschenverachtende, unterdrückende Verhältnisse und Willlkürherrschaft, die Lebensmöglichkeiten stark einschränken oder sogar existenziell bedrohen, Sehnsucht nach freier Entfaltung und sozialer Gerechtigkeit oder Angst um das eigene Überleben und das der Familie. Unter diesen Bedingungen scheint Flucht oft der einzige Ausweg zu sein. Doch zugleich sind da starke Bindungen an die Heimat, an Familienmitglieder oder an vertraute und lieb gewordene Menschen, die zurückgelassen werden müssen. Daher bedarf es meist eines konkreten äußeren Anlasses sowie einer begründeten Hoffnung auf neue, bessere Lebensmöglichkeiten, um das Wagnis des Aufbruchs ins Ungewisse tatsächlich einzugehen.

Damit die Flucht zustande kommen kann, braucht es häufig Unterstützung durch andere Menschen, die sich manchmal dadurch selbst in Gefahr bringen. In der Exoduserzählung ist der Aufbruch aus der Unterdrückung nur möglich, weil Mose, der spätere Retter, zuvor durch das mutige Handeln von Frauen gerettet wird, die sich der Macht des Pharao entgegenstellen, die eigenständig und visionär handeln und so die Befreiung einleiten. Die Hebammen Schifra und Pua widersetzen sich dem Tötungsbefehl; die Mutter des Mose setzt ihn auf dem Nil aus; seine Schwester, die das Geschehen beobachtet, setzt sich über soziale und kulturelle Gräben hinweg und wendet sich zugunsten ihres Bruders an die ägyptische Prinzessin. Nach der jüdischen Tradition wurden die Israeliten durch das Verdienst dieser Frauen aus Ägypten erlöst (vgl. Babylonischer Talmud, Sota 11b).

Der beschwerliche Weg zu einer neuen Heimat

Menschen auf der Flucht gehen beschwerliche, oft gefährliche Wege. »Wer sich auf die Flucht begeben muss, wer sich dazu gezwungen sieht, alle Sicherheiten und Stabilitätsanker des bisherigen Lebens aufzugeben, und sei es die Sicherheit von Gewaltverhältnissen, der hat keine alternative Handlungsmöglichkeit.« (Naumann, Beitrag in diesem Heft) Und nach dem Aufbruch stellen sich immer wieder neue, nicht vorhersehbare Herausforderungen und Bedrohungen, die Zweifel hervorrufen, ob die Entscheidung zur Flucht, zum Zurücklassen der Heimat, die richtige war. So erzählt es auch das Buch Exodus: »Hinter sich das Sklavenhaus und vor sich die lebensfeindliche Wüste – so begeben sich die Israelit:innen auf die Flucht […] Zwar sind sie nun frei, aber in der Wüste schlägt alltägliche Mühsal des Überlebens doppelt zu« (Naumann, Beitrag in diesem Heft). [...]


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